So schick sah der "Busch" im ungarischen Spätsommer aus
So schick sah der "Busch" im ungarischen Spätsommer aus

02.01.2022 Vorgeplänkel und Start der Grand-Tour

 

Hallo ihr Lieben! Laaaange habt ihr nichts mehr von mir gehört. Warum?

 

Der Virus hatte den Tourismus und mein Leben ziemlich aus der Bahn geworfen. Die Saison 2020 bei Velotrek ging für mich baden und so heuerte ich als Verkäufer bei Kelpe Bikes in Alfeld an. Den täglichen Wahnsinn mit den Kunden könnte ich auch zu einem interessanten Buch zusammenfassen, aber da würden sich sicher einige auf den Schlips getreten fühlen. Also lassen wir das lieber.

 

Fakt war, dass meine Gesundheit schon den letzten Winter stark gelitten hatte und ich mir als Ablenkung von dem ganzen Irrsinn auf der Welt einen Camper zulegte. Dieser war rustikal ausgebaut, aber von schön oder praktisch war keine Rede. So steckte ich einiges an Zeit und Geld in das Projekt, prima unterstützt von meiner Freundin, die viel für die Sparte „schön“ verantwortlich war und mit ihrer Kreativität den Bus schick machte.

 

Um meiner Gesundheit was Gutes zu tun, zog ich dann ab Mai 2021 in den Bus ein. Anstatt Industriesmog und Autolärm, absolute Idylle und klare Luft am Humboldt-See. Von dort jeden Tag durch das Leinebergland mit dem Rad zur Arbeit, zusammen 35 Kilometer und 400 Höhenmeter. Dabei half mir mein angeschafftes E-Bike. Ja, ein böses Elektro-Fahrrad, aber meine Atmung ließ es nicht anders zu. So kam ich jederzeit entspannt und pünktlich auf der Arbeit an und die täglichen 400 Höhenmeter dienten als Trainingseffekt. Über den Sommer ließ sich das gut aushalten, aber im Herbst kamen Nässe und Kälte zurück. Der Gedanken an den bevorstehenden Winter war für mich der Horror.

 

Im September waren wir dann erstmals mit dem Camper auf Tour, die Reise führte zu vielen netten Menschen in Deutschland, die wir teils nach Jahren oder sogar Jahrzehnten endlich wieder sahen und in ein Ungarn ohne Corona-Maßnahmen. Ein toller, maskenfreier Urlaub mit viel Wassersport, Radeln und Wandern.

 

Bei den Touren kam meine Reiseleiter-Lust zurück und wieder in Deutschland, die Panik vor dem Winter. Fast zeitgleich rief mich Peter, der Chef von Velotrek an und fragte mich, ob ich 2022 wieder für ihn arbeiten möchte. Nach meiner spontanen Zusage beschloss ich fast genauso spontan, Ende 2021 meinen Verkäufer-Job an den Nagel zu hängen.

 

Dies fiel mir schwer, da ich bei der Firma Kelpe sehr gut aufgenommen wurde. Nachdem es ausgesprochen war, hieß es den Bus winterfest machen und entgegen meiner ursprünglichen Idee, statt bis Oktober, bis Mitte Dezember auf dem Campingplatz zu bleiben. Fortan hieß mein Gegner Feuchtigkeit. Unmengen von Kondenswasser, durch Schlafen, Kochen, Heizen und täglich nahezu 100% Luftfeuchtigkeit im norddeutschen Herbst. Wöchentlich stiegen die Ausgaben für Luftentfeuchtung, ob Salz, chemisch oder elektrisch. Doch jedes Mal, wenn ich mit dem Auto fuhr und erstmals bremste, gab es eine unerwünschte Dusche, da das ganze Wasser an der Innenseite des Deckenmetalls der Schwerkraft folgte und am Ende aus der Deckenverkleidung auf mich abregnete.

 

Also half nur noch dauerhaft heizen, was sich am Ende in einer saftigen Stromrechnung niederschlug.

 

Da Solaranlage und Batterie bei der trüben Suppe auch keine Leistung mehr erbrachten, spendierte ich dem Auto noch eine schicke neue Lithiumbatterie und einen Laderegler, damit „der Gerät auch beim Fahren immer geht“.

 

Blieb dann die Frage, was nach dem 31.12.2021 bis zum Beginn des Velotrek-Vertrages im Mai 2022 anstellen? Da ich den beschriebenen Horror vor dem Winter hatte, beschloss ich spontan den Blinker Richtung Süden zu setzen. Aber wohin, wo den Camper abstellen und wenig Corona-Wahnsinn mitbekommen?

 

Auch da half mir Stephanie weiter. Als ich eines abends zu ihr kam und erzählte, dass ich vor der Arbeit mal wieder mit Schafen gesprochen, sie gefüttert und gestreichelt hatte, entstand eine Idee. Nein ich bin nicht gaga. Ich bin während meines Urlaubes in Neuseeland 2015 so viel unter Schafen gewesen, dass ich sie lieb gewonnen habe und immer, wenn ich eine Herde sehe, versuche ich sie „anzubähen“. Ich habe lange gebraucht, bis ich den Ton einigermaßen getroffen habe, aber nun antworten sie öfters mal. Und wenn ich früh dran war, hatte ich kurz vor Alfeld eine kleine Herde, die sehr redselig, verfressen und ein Schaf davon noch knuddelbedürftig war.

 

So meinte Stephanie, ich soll doch mal bei Wwoof oder Work away anfragen. What? Hatte ich noch nie gehört. Also ins Netz geschaut und gesehen, dass die, im Gegensatz zu Work and travel, auch ältere Kandidaten suchen. In Neuseeland lag der Schnitt so zwischen 18 und 25 Jahren, nach dem Lesen fasste ich nun auch in meinem Alter Mut. Ich stellte spontan einige Anfragen für die Kanaren und Südspanien ein. Bauernhöfe, Farmen und Tierheime. Nach einigen Tagen Stillstand kamen die ersten Antworten, aber nur Absagen oder „meld dich mal in einigen Wochen“. Aber dann eine spontane Zusage! Eine norwegische Auswanderin, die auf ihrer Finca Hilfe braucht. Alle anderen schrieben immer trockene Fakten, sie hatte den Schelm im Nacken. Sie schrieb von einem „Shitjob“, denn sie habe 12 Hunde und da bleibe „Shitwork“ nunmal nicht aus. Dazu bräuchte die Hilfe bei der Pflege der Hunde, Haus und Garten.

 

Yes! Wärme, viel Platz für den Bus, kein Corona-Generve und ein Teilzeitjob, dafür freie Kost und Logis.

 

Und so geschah es, dass ich Niedersachsen im Dauerregen leichten Herzens und Stephanie schweren Herzens hinter mir ließ (aber für die Zukunft gibt es gemeinsame Träume im Tourismus). Silvester verbrachte ich mit meiner Familie in Hessen, am 1.1. noch ein Besuch bei meinem treusten Rad- und Wandergast von Korfu (wer als erstes die Lösung richtig ins Gästebuch schreibt, bekommt auf der nächsten gemeinsamen Tour ein Bier von mir) und am 2.1. wurde dann der Blinker rechts, über den Rhein nach Frankreich, gesetzt.

 

Von dort schreibe ich auch diese Zeilen. Der Camper steht nach bisher 850 gefahrenen Kilometern in einem kleinen Dorf oberhalb von Besancon (die Franzosen mögen mir den „Fleischerhaken“ unterm „c“ verzeihen, keine Ahnung, wo ich den finde), namens Fontain.

 

Zum Glück war der Jahreswechsel verbunden mit sehr mildem Wetter, was noch anhält. Denn mit meiner Gasheizung kann ich nicht schlafen, viel zu gefährlich, die ist nur für die schnelle Erwärmung der Hütte zuständig und die gemütliche Infrarotplatte läuft ohne Stromanschluss nur maximal 3 Stunden. Danach ist die Batterie platt und ich sitze nicht nur kalt, sondern auch im Dunkeln. So heißt es jetzt nochmal „angasen“, schön warm einschlafen und dann in der Nacht die Mütze überziehen, wenn die Temperatur auf 10°C runter geht. Zum Glück aber eben nicht in Richtung Gefrierpunkt.

 

Papstpalast in Avignon
Papstpalast in Avignon

05.01.2022 Es geht abwärts...

 

...mit den Temperaturen und auf der Landkarte. Das war schon klar, denn wann gab es schon ein Silvester mit 15°C Plus?! Ich fuhr nach einer angenehmen Nacht (ohne Mütze) gemütlich weiter südlich durch das Département Jura. Richtig schön! Eine Art Allgäu durchzogen von vielen Flüssen. Eine nette Berg- und Talfahrt mit kleinen Dörfern, in deren kleinen Läden ich mich mit regionalen Leckereien eindeckte. Vor allem mit Comté-Käse, der aus der Region stammt und Produkten aus Selbigem.

 

Dann wechselte ich in die Ebene, um meinem Bus nicht zu viele Berge und Kurven anzutun. Da ich Zeit habe und Geld sparen möchte, verzichte ich auf Autobahnen mit Gebühren. Erstmals musste ich für diese Entscheidung büßen, da ich durch den ganzen Moloch von Lyon geführt wurde. Ekliger Smog, Beton und Autos bis zum Horizont. Das wurde zwar im Rhonetal dann landschaftlich wieder schön (vergleichbar mit dem Rheintal), aber immer noch stark bebaut und befahren. So wechselte ich die Seite der Rhone vom Departement Drome (das Dach fürs „o“ finde ich auch nicht) nach Ardeche. Gleich wurde es ländlicher und als noch ein offizieller, umsonstiger Wohnmobilstellplatz mit Wasserzapfanlage auftauchte, blieb ich spontan stehen. Ganze 5 Stellplätze gab es, ich belegte Nummer 4. Aber wo war ich eigentlich?

 

Auf einem Schild mit Verhaltensregeln am Platz las ich was von Coronas-Regeln. Wie verseucht das Gehirn schon ist! Dort standen die Regeln für den Platz in Cornas. So heißt das Ort und von Seucheneinschränkungen stand dort gar nix!

 

Zum Sonnenuntergang unternahm ich einen Spaziergang in die Weinberge. Sackesteil, aber sehr schöne Ausblicke. Noch ein Schlendergang durch die Dorfmitte und dann ab in den Bus zum Schreiben und Futtern.

 

Am Folgetag nur eine kurze Etappe per Auto, die jedoch nervig war, durch die starke Besiedelung des Rhone-Tales. Viel Verkehr und unendlich viele Kreisel. Warum gibt es eigentlich keine rechtsdrehenden Kreisel, damit sich das Hirn auch mal in die andere Seite verwickelt? Ich stellte mein Auto in die Botanik von Villeneuve les Avignon, weit weg von den touristischen Ecken, an denen wohl gerne mal eingebrochen wird.

 

Erstmals kam ein Fahrrad zum Einsatz und da ich die vielen Hügel sah und in Ermangelung einer Duschmöglichkeit, zog ich das E-Bike vor. So kurvte ich zu Tale, überquerte die Rhone und hinein ins Renaissance-Städtchen Avignon. Was schön ist, im Winter gibt es wenig Touris und so konnte ich alles per Rad ansteuern, ob Palast des Papstes, Rathaus und den schicken Park, von dem ich auch Blick auf die berühmte Brücke hatte. Von dort sah ich gegenüber in Villeneuve auch ein riesiges Fort, dass meinen Namen trägt, also war St. André für später vorgemerkt. Die Befahrung derBrücke ließ ich wegen Absperrung und Coronagedöns aus. Ich wollte am Rhoneufer zurück, aber das war noch alles mit knietiefem Matsch zu, der Fluss hatte gerade den Höchststand des Hochwassers hinter sich.

 

Also entlang der Straßen zurück nach Villeneuve und nach einem leckeren Bäckereibesuch ging es gestärkt zu meiner Festung St. André. Von dort gab es sogar richtig schicke, verkehrsarme Sträßchen durch die Altstadt und am Ende einen kleinen Trail zum Auto. Perfekt! Der Tag war grau, aber noch mild, in der Nacht kam dann der Temperatursturz.

 

Am nächsten Tag weckte mich der Wind, der am Auto rüttelte. Also früh los, denn ich wollte noch einen Stopp im mittelalterlichen Städtchen Aigues Mortes einlegen. Eine Stadt mit noch erhaltener, komplett einschließenden Stadtmauer, gelegen in den Sümpfen und im Mittelalter Startpunkt von zwei Kreuzzügen. An windgeschützten, sonnigen Plätzen, ein herrlich sonniger Tag, im Schatten mit Wind, die Hölle.

 

Nach dem schönen Stadtspaziergang erreichte ich die Mittelmeerküste und im Sumpfland der Camargue standen rosa Flamingos. Als ich einen Park- und Fotoversuch der Tiere machen wollte, driftete ich aus Versehen ans Meer ab. Viele freie Parkplätze, Pinienwald, Sanddünen und warmer Sand. Perfekt für einen spontanen Barfußspaziergang.

 

Die Flamingos waren allerdings nur vom Auto aus fotografierbar, jeweils fehlten die Parkmöglichkeiten. Im Vorbeifahren sieht man auf den Fotos aber eher unscharfe, rosa Striche. Weiter ging es Richtung Narbonne. Im offenen Hinterland fegte der Sturm heftig durch, ich hatte abends Muskelkater in den Armen, so fest musste ich das Lenkrad halten. So kam ich platt und frierend bei Stephanies Bruder an, mit dem ich einen netten Abend am Kamin verbrachte. Er lehrte mich viel über die Umgebung. Herkunft des Namens Languedoc (= wörtlich Sprache des Okzidents), Geschichte der Gegend Corbiere und über die Katharer. Die hatte ich noch nie gehört, war ich wohl in Geschichte Kreide holen. Sie wurden wegen ihrer religiösen Überzeugung (Dualismus) verfolgt und flüchteten sich in die angrenzenden Ausläufer der Pyrenäen. Da wusste ich noch nicht, dass ich ihren Nachfahren begegnen würde.

 

Sagrada Familia, der Moloch ist ausgeblendet
Sagrada Familia, der Moloch ist ausgeblendet

07.01.2022 Freddy Mercury singt Barceloooona

 

Nach einer Nacht im warmen Prinzessinenbett (das Hochbett von Christophes Tochter mit Netzverhüllung war für mich frei), sollte es über Narbonne in Richtung Spanien gehen. Am Vortag fiel mir die Strecke aber schon unangenehm wegen grob 328 geschätzten linksdrehenden Kreiseln auf. Da drehte ich direkt nach Süden ab, denn die Strecke sollte auch kürzer sein. Hätte ich genauer geschaut, wäre mir die viel längere Zeit aufgefallen, Höhenmeter interessiert das Autonavi schon mal gar nicht. So ging es plötzlich etwa eine Stunde bergauf und dann tauchten Dorfnamen und Burgen auf, die ich im Prinzessinnen-Bett im Zusammenhang mit den Katharern zum Einschlafen gelesen hatte. Hammerlandschaft! Überall Weinberge, kleinste Straßen und am Horizont schneebedeckte Gipfel. Es hieß nur die Nerven behalten, den Leitplanken hatten sie sich gespart, sonst wäre die Sicht in den Abgrund verbaut gewesen. Dazu noch Maßarbeit in einer Baustelle. 2/3 der Straße aufgebaggert links, und rechts 5 rauchende Arbeiter, die ihre Bäuche einzogen, damit ich geradeso vorbei kam. Nach nur gefühlten 15 Minuten bergab war ich zurück in der Ebene von Perpignan. Ich hatte weiter Lust auf Kurven und so vermied ich Autobahn und nahm die schöne Küstenstraße in Richtung Grenze. In den Bergen zuvor ging es noch mit dem Wind, aber an der Küste bis zu 9 Windstärken. In den Buchten fliegendes Wasser, auf den Höhen fliegende Hüte. Einmal wagte ich mich aus dem Auto, das heißt ich versuchte es, denn die Autotür war fast nicht zu öffnen. Die Fotos waren meist auch verwackelt, denn ruhiges Stehen unmöglich.

 

Der spanische Grenzübergang war auch nur noch durch farbbeschmierte Ruinen erkennbar und pünktlich hinter der Grenze ließ der Wind nach. Ich fuhr direkt ans Meer, das bekannte Lloret de mar, was aber zu der Jahreszeit herrlich untouristisch ist. Ich erkundete die Umgebung ausgiebig, die Eremitage der örtlichen Schutzheiligen Santa Cristina und 3 Strände, an einem bleiben die Schuhe auch wieder aus. Ich hielt mich für hart, war ich doch der Einzige, bis sich 2 Frauen und ein Kind entblätterten und schwimmen gingen. Ich fragte später nach, wie die Temperatur sei, die eine Dame meinte auf deutsch „arschkalt“. Einen Badefisch hatten sie nicht, meiner wollte nicht mit mir ins Wasser, ich definiere arschkalt mal als unter 15 Grad.

 

Beim gemütlichen Bergauflaufen zurück, meldete sich plötzlich meine Alarmanlage. So wurde daraus ein Bergaufgalopp mit bangem Nähern ans Auto. Sah alles gut aus, nur merkte ich, dass die Hecktür nicht mehr richtig schloss. Die Tür machte schon öfters bei verschiedenen Temperaturen Probleme, aber bisher ging sie höchstens nicht auf. Also überall WD40 rein, etwas gereinigt, aber leider ohne Erfolg. Die Temperatur sank merklich, in der Nacht war um den Gefrierpunkt angesagt. ich hatte dann die gute Idee, die Tür von innen mit einem Spanngurt zu sichern, allerdings war das mit viel Ausräumen und Kriecherei verbunden.

 

Es funktionierte, die Tür hielt dicht. Ich hatte mich gut eingemummelt und so störten mich die 3°C Innentemperatur am Morgen kaum.

 

Heizung an, warmes Käffchen und dann Werkstatt suchen. In Spanien ist heilige 3 Könige Feiertag, so machen viele ein langes Wochenende. In der 3. Werkstatt wollte sich dann endlich jemand das wenigstens anschauen. Er verstand mich aber schlecht, denn ich sagte, die Tür ginge nicht zu und er bekam sie nicht auf. Aber ich hatte sie ja mit dem Spanngurt gesichert. So schickte ich ihn nochmal weg, räumte wieder unter dem Bett aus und löste den Gurt. Dann holte ich den guten Mann wieder und siehe da, die Tür ging gar nicht mehr auf. Jetzt staunten wir beide. Er meinte, Bett ausbauen, Verkleidung abmachen und am Montag wiederkommen. Ich bleib vor der Werkstatt und bastelte selbst, aber die Verkleidung geht ohne Türöffnung nicht vollständig ab. Was tun? Keine Ahnung. Immerhin blieb sie jetzt zu und ich fuhr spontan nach Barcelona mir die Sagrada Familia ansehen.

 

Ich parkte außerhalb mit schöner Aussicht auf die Stadt. Aufgrund der vielen Berge ging es wieder mit dem E-Bike auf Erkundung. Was ein Moloch! Mehrfach wollte ich wieder umkehren. Auto- und Menschenmassen, Maskenpflicht und Smog. Bäh! Abseits der Hauptstraßen nur Einbahnstraßen-Labyrinthe. In den Schluchten fand ich das Riesenteil von Sagrada Familia mangels Sicht nur mit dem Navi. Dort Bauzäune, Kräne, Menschenmassen und Verkehr. Da ich schon mal da war, zwang ich mich zur Stadtrundfahrt, beschloss aber dann auf den Hausberg mit schöner Kapelle zu fahren. Raus aus dem Chaos, schöne Serpentinen und oben nette Aussichten, wenn nicht der Fernsehturm im Weg stand. Auf dem Weg hunderte Rennradfahrer, wie viel das bei Wärme und an einem Sonntag sein mögen?

 

Dann meldete sich wieder meine Alarmanlage, ich 10 km entfernt. Zurück suchte ich mir Schleichwege durch Siedlungen, um dem Moloch nicht nochmal zu begegnen. Wieder mit Bauchschmerzen ums Auto, und was soll ich sagen. Die Tür wäre wieder offen gewesen, hätte ich sie nicht festgezurrt gehabt. Aber der Griff funktionierte, genau 2x, dann wollte er wieder nicht mehr. Scheint also wieder mit der Temperatur zusammen zu hängen, bei Kälte geht sie nicht auf und bei Wärme dafür von alleine. Also Spanngurt dran lassen, ist ja trockenes Wetter und für Wassersport zu kalt, also nicht lüften oder paddeln. Auch gut. Nach dem Schreck schön den Sonnenuntergang über der Stadt beobachtet und dann zurück in den ruhigen Bus. Von wegen, plötzlich immer mehr junge Leute, meist mit getun(ed)ten (wie wird das geschrieben, sieht eher tuntig aus?) Autos und dickem Bass. Überall roch es nach Shit, die genossen hier Ungestörtheit und Maskenfreiheit außerhalb der Stadt. Während ich hier sitze, werden die Autos immer mehr und die Bässe lauter. Ich hoffe, denen ist es bald zu kalt und sie machen sich vom Acker, damit ich schlafen kann. Warum Freddy Mercury den Moloch besungen hat, weiß ich nicht. Oder hatte der genug mit den Jungs hier geraucht?

 

"Wanderweg" direkt zum Friedhof von Cullera
"Wanderweg" direkt zum Friedhof von Cullera

11.01.2022 Wind, Sonne und mehr Meer

 

Etwas gerädert wachte ich früh auf, die Bässe waren irgendwann verhallt, aber dafür hatte mich der Sturm wiedergefunden. Er rüttelte am Auto und vor allem an den Fahrrädern und der Plane. So schälte ich mich früh aus dem Bett, um den Sonnenaufgang über Barcelona mitzubekommen. Dann nix wie weg. Ich fuhr nur eine kurze Etappe ins Delta des Flusses Ebro, denn das Fahren war wieder echter Kraftsport bei dem brutalen Seitenwind. Dort gab es massig Stellplätze vor einem geschlossenen Campingplatz. Ich ging auf Erkundung. Sehr schön angelegte oder natürliche Wege entlang des Flusses und den Brackwasserseen. Massig Vögel: Reiher, Kormorane, Möwen und eine Großkolonie Flamingos. Aussichtstürme und Holzschutzwände mit Gucklöchern machten das Beobachten leicht. Nur dazwischen komische Vögel, die inmitten der Natur mit blauen oder schwarzen Gesichtslappen durch die Gegend schwirrten. Diese arme Vogelspezies hat anscheinend ein Schaden fürs Leben weg.

 

Der Wanderweg dehnte sich aus und ich war dann ganz alleine in herrlicher Natur, legte mich windgeschützt ab, döste und holte mir die erste Gesichtsfarbe des Jahres ab. Weiter ging es durch Dünen zu einem Strand für Wind- und Kitesurfer. Ich überlegte auch für den nächsten Tag meine Wassersportsachen auszupacken. Aber erst einmal zurück und bei einem Aperitif auf einem Steg im Ebro den herrlichen Sonnenuntergang anzuschauen. Gestört wurde die Idylle nur von einem Monstertruck aus Konstanz, dessen Besitzer versuchte das Riesenteil unbedingt nahe des Stegs zu parken, wie es ein Franzose ihm vorgemacht hatte. Der Steuermeister aus Konstanz nahm aber zielsicher jeden Busch und abgestorbenen Baum am Wegesrand mit. Es quietschte und knackte am laufenden Band, mir lief es eiskalt den Rücken runter, wie er sein Prunkstück von geschätzten 200000€ mächtig zerkratzte. Irgendwann stand die Karre dann solala und die Insassen entstiegen mit Kameras, um den Sonnenuntergang einzufangen. Sie hatten aber so lange Büsche malträtiert, dass das Abendrot sich schon vom Acker gemacht hatte.

 

Nach einer super ruhigen Nacht entstieg ich erst spät dem Bette, was auch an der schönen Wärme lag. Die nutzte ich zur ersten Großwäsche im Bus. Bisher war ich immer auf Campingplätzen oder als Duschnomade untergekommen. Ging aber ganz gut, Jahrtausende lang gab es auch nur Waschschüsseln. Aber was war mit dem Wassersport? Den Gedanken verwarf ich schnell, denn ich war schön sauber, es windete schon wieder zu heftig und die Sonne hielt sich auch noch bedeckt.

 

Eigentlich wollte ich gar nicht weit fahren, aber unterwegs flaute der Wind kurzzeitig ab und an der Küste standen mir auch zu viele Hotelburgen. So ging es in einem sicheren, großen Bogen an der nächsten Großstadt (Valencia) vorbei. Dann fuhr ich zum Mundraub aufs Land. Seit 80 Kilometern fuhr ich auf der Autobahn durch endlose Orangenplantagen, da konnte ich nicht widerstehen. 2 Stopps für Orangen, einen für Kakis. Die Orangen super lecker, die Kakis pelzig ohne Ende. Wie sieht man denen an, ob drinnen ein Felltier lauert oder nicht? Muss ich mich schlau machen. Ich schipperte an den fast verlassenen Touriort Tavernes de la Valldigna. Warum? Ein riesiger Strand für mich alleine. Schuhe aus und bei 18°, Sonne, aber wieder starkem Wind losspaziert. Im Sand, am Wasser und dann auch mit den Füßen im Wasser. Leider gibt es hier fiese, dornige Trockengewächse, die der Wind an den Strand weht und ich 4x die Mistdinger im Huf stecken hatte.

 

Dann kam der Hunger. Die ganze Gegend abgesucht, kein Supermarkt, keine Bar, kein Bistro offen. Nur Nobelrestaurants, die mich ohne Derfschein (hessisch für Eintrittserlaubnis) nicht wollen. Also ab in den Bus und was zaubern und dann Strandspaziergang Nummer 2 zum Sonnenuntergang. Zurück durch eine kleine Siedlung mit schönen bunten Blumen, aber auch leider so viel spanischem Müll. So eine Sauerei. Für den nächsten Tag waren 20° angesagt. Genug für das Weichei zum Wassersport?

 

Es waren am Folgetag sogar 23 Grad angesagt! Ich begrüßte meinen Nachbarn, der laut Kennzeichen auch aus Norddeutschland stammte, freundlich, als er seinem Camper entstieg. Seine Antwort: Warum sind sie so nah an mich rangefahren!? Ich antwortete freundlich, dass ich ebenfalls hinter dem Zaun Windschutz suchte und dem quer stehenden Franzosen auf der anderen Seite Platz zum Ausparken gönnen wollte. Er grunzte darauf nur: Abstand ist wichtig! Ich wollte eigentlich noch sagen, dass ich am Vortag erhofft hatte, einen netten Nachbarn zum eventuellen Plaudern kennenzulernen und befand 3 m und 2 Blechwände auch als angemessenem Abstand, aber das behielt ich am Ende für mich und suchte mir einen neuen Platz. Ich fand einen Traumplatz mit direktem Meerblick, ohne stachlige Bodendecker und ebensolche Nachbarn. Ätsch!

 

Also raus aufs Wasser. Mein SUP (bisher 1x getestet) aufgepustet und dann meinen brandneuen Wing, den ich auf Empfehlung von Basti, meinem Ex-Kollegen bei Corfelios, erworben hatte. Für alle, die so ein Teil nicht kennen: Sieht aus wie ein überdimensionales Batman-Zeichen mit 5 Quadratmetern Fläche und wird in der Hand gehalten, in der Funktion dann ähnlich wie ein Surfsegel.

 

So weit die Theorie. Meine praktische Erfahrung sah anders aus. Ich suchte mir eine fast geschlossene Badebucht, damit ich keine Wellen hatte und probierte das Ganze bei ablandigem Wind aus. Fahren funktionierte schnell ganz gut, aber nur im Raumwind und der blies mit Kurs auf Ibiza und nicht zurück an den Strand. In meiner Steinbucht kamen die Felsen immer schnell sehr nah, ich hatte aber mein Paddel dabei und sparte mir so peinliche Aktionen. Hilfe wäre auch keine weit und breit gewesen. Als ich dann außerhalb des Schutzes einen Versuch unternahm, erschien mir virtuell Ibiza am Horizont und ich paddelte ächzend gegen den Wind wieder ans Ufer zurück. Danach waren Arme und Stimme platt. Wer meine Anfänge des Surfens auf Korfu verfolgt hat, der glaubt mir bestimmt, dass man mein Fluchen hier noch im entfernten Valencia vernommen hat.

 

Ich duschte mich und das Material ab, ließ mich und das Material in der Sonne trocknen und da bei mir die Luft raus war, entließ ich sie schließlich auch aus dem Material. Der größte Kraftakt kam aber noch. Alles in den Bus einräumen bei weiterhin fest geschlossener Hecktür bei 30° Innentemperatur. In Badehose kämpfte ich das ganze Zeug wieder in den Stauraum unter dem Bett und beschloss dem ein Ende zu setzen.

 

Nach einer schön warmen Nacht sah ich aus dem Fenster und erkannte erst einmal nichts. Der Wind hatte gedreht und mein ganzes Auto war voll mit Salzbapp von der Brandung. Hmm, Nachteil am Meerblick. Also gefrühstückt, Scheiben gesäubert und ab zur nächsten Mercedes-Werkstatt. Dort witziges Kauderwelsch mit der Dame im Büro, die es dann zur Chefsache machte und ich mit dem 10 Worte englisch sprechendem Mann zum Auto ging, um ihm das Problem zu demonstrieren. Er nahm den Griff und die Tür ging auf! Erstmals seit 3 Tagen. Er guckte mich irritiert an und fragte, was ich für ein Problem hätte. Kopfschüttelnd machte er die Tür wieder zu und siehe da, sie schwang hinter ihm wieder auf. Nun war er irritiert und probierte das alte Aufundzukatzundmaushaschmichichbindiebösetür-Spiel, gab nach 5 Minuten auf, verstand mich endlich und bestellte in Madrid ein neues Schloss für den Folgetag.

 

So fuhr ich mit dem restlichen halben Tag ins Hollywood von Valencia. Inmitten der flachen Küstenregion mit Strand vorne und Reisfeldern hinten, steht einsam ein Berg, der mich von der Form an den australischen Ayers Rock erinnerte. Auf ihm prangen hollywoodmäßig riesige weiße Buchstaben. CULLERA. Hört sich vor allem auf hessisch witzig an. Ich beschloss nach oben auf einen empfohlenen Parkplatz zu fahren, umringt von alten Kanonen, einer Burg und einem Heiligtum, um dann zu Fuß über den Berg zu wandern und hoffentlich nicht zu „kullern“.

 

Eine geniale Wanderung! Tolle Aussichten, spannende Wege und Sonne pur. Wie immer wollte ich eine Runde laufen. Die Seite der hässlichen Hochhausstadt kam nicht in Frage, also mal die ländliche Seite testen. Mein Navi sagte Sackgasse, der spanische Wegweiser sagte, der Weg geht zum Friedhof. Zweiteres stimmte, aber ein Weg war es plötzlich nicht mehr. Immer felsiger und die letzten 50 Höhenmeter eine komplette Steinplatte, die direkt am Friedhof endete. Zum Glück hatte ich gutes Profil, Bergerfahrung und Trockenheit, ansonsten hätte es vielleicht ein „Cullera“ direkt auf den Friedhof gegeben.

 

Ich bleib heile und ging über den Kreuzweg zurück zu meinem Heiligtum und verbrachte einen Abend mit tollster Aussicht über die Stadt.

 

Sonnenbaden am Paradiesufer
Sonnenbaden am Paradiesufer

13.01.2022 Im Paradies

 

Morgens erstmals mit Wecker aufgewacht, denn ich sollte früh in der Werkstatt sein und ein Kraftakt stand auch noch an. Räder runter, Träger ebenso und vor allem Matratze abbauen. Normal wird die Matratze über die Heckseite entfernt, ich musste sie durch den 80 cm Spalt zum Wohnteil rauszerren.

 

Als ich mich radelfertig machte, versuchte sich der Chef schon als Panzerknacker. Ohne Erfolg. Dann er von innen, ein Zweiter malträtierte von außen den Griff, ebenfalls ohne Aussicht. Dann ging der Chef mit schwerem Gerät ins Auto, ich machte mich lieber vom Acker, ich kann keine Gewalt sehen.

 

Ich holte erst einmal was zum Frühstück, fuhr in eine Mandarinenplantage und futterte in der Sonne. Gegenüber der letzten Tage war es aber noch empfindlich kalt. Also schnell weiter durch Plantagen und Reisfelder, die durch ausgeklügelte Kanäle vom Fluss Jucar mit Wasser gespeist werden. An dem Fluss gefiel es mir sehr gut und dann fand ich sogar beschilderte Radwege. Plötzlich ein Traumplatz: Ein Kanuverein mit befestigtem Ufer, dahinter ein langsam plätscherndes Stauwehr, ein paar Parkplätze und Tische plus Bänke unter Pappeln, alles umrahmt mit Orangenplantagen. Auf der Weiterfahrt war mir klar, dass ich dort einziehen würde. Nach 2 Stunden bekam ich die Nachricht, dass mein Auto nun wieder die Klappe hält und meinem Geldbeutel zukünftig mehr als 200€ fehlen würden.

 

Trotzdem war ich erleichtert und beim Einräumen kam die Sonne um die Ecke, sodass ich im T-Shirt einen Großputz gleich mit erledigte. Zur Belohnung gönnte ich mir auf der coronamaßnahmenfreien Außenterrasse eines Restaurants ein dreigängiges „Menu del dia“. Gut gesättigt zog ich ins Paradies ein und genoss die Abendsonne auf den Stegen. Herrlich!

 

Nach ruhiger, aber kalter Nacht, trödelte ich den Morgen, bis die Sonne wärmte. SUP aufgepumpt, Neo angezogen, Picknick eingepackt und erstmals mit der Neuerwerbung auf Flusstour. Herrlich! In 3 Stunden 3 Paddler, sonst nur Natur. 2 Eisvögel und viele Kormorane wurden gesichtet. Manchmal fröstelte es etwas, wenn die Sonne sich hinter Wolken versteckte und ein kühler Wind wehte. Die meiste Zeit war mir aber die Sonne hold und nach meiner Rückkehr genoss ich in kurzen Sachen, während meine Ausrüstung trocknete. Dann alles wieder verstauen und nochmal mit Yogamatte 1 h an den Steg. Zum Sonnenuntergang wieder Orangen futtern, genial, wenn man sich Hände und Arme nach dem Saftmassaker direkt im Fluss waschen kann. Nach einem so schönen Tag beschloss ich noch eine Nacht im Paradies zu bleiben, um dann weiter zu ziehen, denn ich hatte einen Tipp für eine herrliche Radtour bekommen. Wem aufgefallen sein sollte, dass ich ständig „herrlich“ verwende, die liegt an meiner „Fjord“- Verseuchung. Ich habe seit Monaten „Ein Mann, ein Fjord“ von Hape Kerkeling auf dem Mp3 und bei der Zufallswiedergabe kommt immer mal wieder eine der herrlichen Episoden in die Ohren.

 

 

 

Sonnenterasse vor der "Entkackung"
Sonnenterasse vor der "Entkackung"

16.01.2022 In der Villa Kunterbunt

 

Weiter sollte es mit einer schönen Radtour gehen. Leider hörte ich erstmals, nach 2 Wochen meiner Tour, Regen auf dem Dach. Also gemütlich gefrühstückt und etwas getrödelt, bis der Regen aufhörte. Ich verließ mein Paradies so wehmütig, dass ich beim Rückwärtsfahren unkonzentriert sowie die Kamera beschlagen war und dies wurde prompt durch ein hässliches Geräusch quittiert. Mit Bauchgrummeln ging ich ums Auto und unter den Blättern war doch tatsächlich ein kleiner Holzpfosten versteckt. Der klemmte nun unter dem Fahrradträger. In griechischer Manier wurde das Ganze „gefixt“. Der Seitenarm mit dem Licht wurde mit Tape, Kabelbindern und einem alten Scharnier geschient (ist jetzt doppelt so stabil wie die andere Seite), das Kennzeichen gerade gebogen und mit einem Stück Holz verklemmt.

 

So konnte es nun nach Gandia zum Startpunkt meiner Tour gehen, die mir Fernando empfohlen hatte. Er stammt auch aus der Corfelios-Familie und ist zufällig mit seiner Frau Claudia hier in der elterlichen Ferienwohnung vor Ort. Lena hatte den Kontakt hergestellt, wir hatten uns abends schon einmal auf Tapas in nächsten Ort getroffen und da erzählte er von der spektakulären Tour. Eine zurückgebaute Eisenbahnstrecke durch eine Schlucht, entlang des Rio Serpir. Allerdings verzögerte sich meine Abfahrt, da es in Gandia fast bis zum Mittag regnete. Also noch schnell die Tour am Computer entworfen und aufs Navi gezogen. Ich musste Gas geben, war ich doch abends bei Fernando und Claudia zum Abendessen eingeladen und dunkel wird es auch noch früh um die Jahreszeit.

 

Also Abfahrt 12 Uhr per E-Bike und mit viel Stromunterstützung durch die weniger schönen Orte bis Villalonga. Der Weg wurde versüßt durch Millionen von Früchten am Wegesrand, die sogar im Vorbeifahren gepflückt und freihändig gegessen wurden. Ich meine natürlich freihändig radeln und beidhändig Mandarinen schälend. Dann begann die Schlucht und Fernando hatte nicht zu viel versprochen. Herrliche Aussichten, plätscherndes Wasser, Steilhänge, stockdunkle Tunnel und einfach nur schön. Ich fuhr beschwingt mit viel Stromverbrauch bergan, bis ich eine Eingebung hatte. War mein zweiter Akku eigentlich voll geladen? Ich checkte den Stand und siehe da, fast leer. Da hatte ich wohl irgendwann die Wochen zuvor keinen Ladestrom mehr im Auto. Das war aber aus meinem Hirn gestrichen worden.

 

So wurde es sportlich. Ich hatte vor, mein Ziel, den Stausee von Beniarres noch zu erreichen, also sparen wo es ging. Am höchsten Punkt wurde ich dann mit frischen Mandeln, die noch an einem Baum hingen, und wunderbaren Aussichten auf den gleichnamigen Stausee belohnt. Zurück fuhr ich fast nur ohne Strom, denn es ging meist bergab. Nach der tollen Tour schnell Räder laden, frisch machen und zurück nach Tavernes auf den Platz, wo Tage zuvor der alte Griesgram stand. Der war zum Glück weg und so stellte ich ab und lief zu Fuß zu Claudia und Fernando. Claudia fuhr richtig leckere spanische Spezialitäten auf und es wurde ein toller Gesprächsabend.

 

Dann hieß es Abschied nehmen von der Gegend südlich von Valencia. Ich fuhr über die Berge weiter in Richtung Alicante. Zur Mittagszeit streunte ich durch das Städtchen Sax mit einer schönen Burg, deren Tor mir allerdings nach Erklimmen der 199 Stufen leider verschlossen blieb. Also weiter nach Aspe. Dort hatte ich mich über „Work Away“ bei Ann Mari angemeldet, um ihr bei Haus, Hof und 12 Hunden zu helfen. Dementsprechend groß war die Spannung. Was ich vorfand, war schon heftig.

 

Hundekacke rund ums Haus, drinnen überall dreckig und Chaos. Ich musste schon schwer schlucken. Ann Mari war gegenüber ihrem Profilbild auch ein Stück gealtert und beim Lächeln blinkten mir einige Zahnlücken entgegen. Dazu das ganze Haus ungeheizt und die Küche stehend vor Fett und unabgewaschenem Geschirr. Aber im Gespräch erwies sie sich als supernette Zeitgenossin. Sie wanderte vor 10 Jahren aus Norwegen aus, hat 4 Kinder, ein Sohn wohnt mit ihr auf dem Gelände. Das Geld ist knapp und als Ausländerin hat sie es auch nicht leicht in Spanien. Da die Stromgesellschaft für den Anschluss schlappe 12000€ haben wollte, verzichtete sie und das Haus funktioniert über Solar, Gas und Holzofen.

 

Sie hat brutale Rückenprobleme und ist daher ziemlich eingeschränkt, was das Arbeiten im und ums Haus betrifft, ihr Sohn hat auch nicht soooo die Lust was zu machen und deshalb haben sie jetzt einen deutschen Haushälter. Im vorderen Hof herrscht Rufa, eine imposante Rottweilermischung, der Fremde durch Sprünge ans Metalltor abhält, aber dabei verräterisch mit dem Schwanz wedelt und sich als Schmusekampfhund heraus stellt. Ihm zur Seite steht Bimba, ein ganz junger, noch recht ungestümer Fetti. Bimba ist gedrungen, kugelrund und das Fell ist eine Nummer zu groß geraten. Da sie einen rosafarbenen Bauch hat und viele Grunzlaute von sich gibt, nenne ich die Minibulldogge mein Schweinchen. Dazu gibt es noch 10 Gremlins, wie ich die Chihuahuas nenne. Sie erinnern mich so an den Film, da sie überall sind, an den Beinen entlang nach oben krabbeln und komische Laute von sich geben. Dazu noch 6 Hühner und im Haus wohnt die Prinzessin, Katze Lucy.

 

So sieht das aus. Am ersten Tag nahm ich mir den Hof vor. Zaun richten, aufräumen, kehren und tonnenweise Kacke von den beiden großen Hunden wegschippen. Zwischendurch bekam auch mein Auto eine Entrostungseinheit, der Salzbapp in Deutschland hatte wieder seine Spuren hinterlassen. Am Abend sollte ich dann mit Thor ins nächste Dorf fahren, um Gas zu holen. Komischerweise stieg er als Beifahrer ein und hielt mir den Schlüssel hin. Es stellte sich raus, dass er gar keinen Führerschein hat und Ann Mari Rücken hatte. Also steuerte ich mit mulmigem Gefühl den großen Ford Kastenwagen über die schmalen Straßen oder besser gesagt, Wege. Es ging alles gut und nachdem sich das ganze Chaos auch in meinem Kopf gefestigt hatte, schlief ich die 2. Nacht bestens.

 

Da die Hunde nachts im Haus sind, ist alles ruhig, bis zum Sonnenaufgang der erste Flieger in Richtung Alicante einschwebt. Zum Glück sind es nicht so viele, ansonsten ist es schön ländlich und ruhig. Am Folgetag nahm ich mir den Spülberg vor, der 2022 anscheinend noch nicht bearbeitet wurde. Am Nachmittag dann die Terrasse mit den „heißen“ Gremlins. Ann Mari trennt die läufigen Weibchen vom Rest, damit es nicht noch mehr ihrer Art werden. Abends dann ein netter Abend am Kamin, ich kann richtig gut mein englisch pflegen, spanisch lernen liegt noch in der weiten Ferne. Nach einem Großfegeeinsatz und erstmalige Raubtierfütterung aller Tierarten, setze ich mich nachmittags aufs Rad, um die Gegend zu erkunden. Endlich einmal mit Zeit, also diesmal ohne Elektrik unterwegs. Überall stehen in Spanien immer die Schilder für Privatwege, Durchfahrt verboten, was aber meist nur für Motorisierte gilt. Als Radler liegen dahinter meist schöne Landschaften und mit Glück auch kein Gehöft mit fiesem Wachhund. Ich stellte fest, dass hier trockene Flussbette genauso gut fahrbar sind wie auf den Kanaren. Eines ein knackiger Singletrail, dernächste schick ausgebaut. Den Zweiteren werde ich die Tage weiter erkunden, der ist wohl ziemlich lang und schön.

 

Nach dem ersten Schock habe ich mich etwas eingelebt und sehe das Ganze yogisch. Gutes tun, denn beide haben Gesundheitsprobleme und die Tiere sind sehr dankbar. Und wer kann schon sagen, dass sich eine Prinzessin in ihn verliebt hat? Lucy weicht mir keinen Schritt mehr von der Seite und kuschelt abends gerne stundenlang auf meinem Schoß, wobei sie allerdings noch ihre Krallen beim geliebten Milchtreten unter Kontrolle bekommen muss.

 

Fütterung der "Gremlins"
Fütterung der "Gremlins"

22.01.2022 Die Gremlins schlagen zu

 

Nun hatte ich mich einige Tage eingelebt, die Abläufe wurden klarer und ich ging entspannt in einen neuen Tag. Leider sind die Hühner momentan unentspannt und legen keine Eier. Mari Anns Idee war die Hühner nach draußen zu lassen, damit sie viel Gras fressen können und nicht nur Grünes als Beifutter bekommen. Ich äußerte meine Angst wegen den 10 Gremlins, sie meinte, die wären unbegründet. Also ließ ich die Federtierchen aus dem Stall, die Hunde scheuchten sie ein bisschen, aber dann kehrte Ruhe ein. So ging ich beruhigt frühstücken. Nach nicht einmal 5 Minuten hörte ich wildes Gebelle und Gegacker. ich schaute aus dem Fenster, sah nur ein Knäuel Hunde und dazwischen Federn fliegen. Der Kaffee blieb abrupt stehen und ich rannte los. Hingen doch alle 10 Gremlins an einem Huhn und wollten es zerlegen! Ich dazwischen, mit Füßen und einem Holzstock. Die Hunde hatten voll den Blutrausch, nur langsam konnte ich sie vom Huhn trennen. Ich lotste er zurück in den Stall, wo es etwas zerrupft, geschockt, schwer atmend hinter sicheren Gittern verharrte. Inzwischen waren die Gremlins hinter dem nächsten Huhn her. Ich wieder dazwischen und das Huhn in Richtung sicherem Stall gelotst. So praktizierte ich es 6x. Die meisten Hunde ließen auch schnell ab, nur die 2 fiesen, schwarzen Welpen wollten nicht aufgeben. Sie waren mir schon durch ihre miese Art aufgefallen. Ständig knurrend, beißend und Damen bespringend. Ich nahm mir die 2 vor und brachte ihnen Manieren bei, wie ich es bisher nur bei Katzen gemacht hatte. Dann war endlich Ruhe und die lieben Tierchen wollten wieder mit mir spielen und kuscheln. Da waren sie aber falsch gewickelt.

 

Ich zog lieber in den nächsten Kampf. Wir schütten immer das Spülwasser über den Zaun, weil der Abfluss in der Spüle schlecht funktioniert. Manchmal bleiben noch „Reste“ im trüben Wasser und so flogen schon einige Teller und Besteckteile über den Zaun. Das wollte ich nun retten. Ich zog mit Eimer und Besen los. Warum? Ich musste durch ein fremdes Grundstück mit 4 Hunden, die aber normal eingesperrt sind. In Freiheit wollte ich ihnen lieber mit einer Waffe begegnen. Zum Glück waren sie im Zwinger, aber als Kletterhilfe taugte der Besen am steilen Hang auch. Beim ersten Versuch brach schnell ein Stein weg und ich rodelte wieder nach unten. Also einen anderen Weg nehmen und den Besen als Stütze. So erklomm ich den Geschirrberg und konnte alles retten. Zurück am Tor überlistete mich Rufa und büchste aus. Ich hinterher. Er machte sich einen Spaß mit mir, bis ich Gas gab, ihm den Weg verstellte,am Genick packte und zeigte, wo der Weg lang ging. Er folgte zum Glück, und nach dem ganzen Hundechaos beschloss ich den kalten Tag bei endlich wieder Sonne in der Hängematte ausklingen zu lassen. Dort ist aber das Zuhause der Gremlins. Kaum lag ich gemütlich in der Sonne, wurde ich belagert. Am Ende lagen 3 Tiere auf mir und die anderen bellten vor Eifersucht. Beim Abendessen erzählte ich Ann Mari von meinen wilden Erlebnissen und sie meinte nur trocken, heute hast du viel über die Autorität gegenüber Hunden gelernt. Was ein Tag!

 

Am Folgetag war Versöhnung angesagt. Ich nahm mir viel Zeit mit den Gremlins. Spielen, füttern und ihr Chaos bändigen. 10 gelangweilte Hunde können viel Quatsch anstellen, Sachen zerbeißen und vor allem die Holzvorrate neu „ordnen“. Die schlimmsten Baustellen sind nun auch beseitigt, man kann sich wieder bewegen ohne bei jedem Schritt vorher genau zu prüfen, ob Tretminen vorhanden sind oder irgendein Kram im Weg steht. Ann Mari machte auch noch einen zweiten Hühnerfreigangversuch. Aber nur ihre 2 wagten sich raus, die anderen 4 geschenkten Hühner blieben lieber im sicheren Gehege. Die Hunde gingen die beiden auch neugierig an, aber die kennen das, pickten in deren Richtung und so konnten die 2 Hühner den ganzen Tag gemütlich grasen. Das angeknabberte Huhn hatte sich auch ganz gut erholt, an einem Fuß eine leichte Wunde und ansonsten „nur“ eine neue Frisur, Glück gehabt.

 

Nun war ich an der Zeit mal Blessuren nachzulegen. Der Draht über dem Hühnerverschlag hing ziemlich durch und ich machte mich per Leiter daran, die ganzen Früchte und Zweige des benachbarten Zedrachbaumes herunter zu holen, um die Last zu senken. Allerdings gibt es hier keine Stehleiter, nur eine normale, die ich an den Baum lehnte. Da meine Arme zu kurz waren, hängte ich mich weit aus dem „Fenster“ und das nahm mir die Leiter krumm. Eine elegante Drehung von dieser und ich hing einhändig am Baum. Ohne Blessuren! Aus Rache ging es dem Baum mit der Säge an die Äste. Ich sägte die Vertrockneten ab, der größte davon wollte dann den Hühnerkäfig zerdrücken, also hielt ich gegen, was wieder das Gleichgewicht der Leiter aus dem Lot brachte. Diesmal fing mich der Baum nicht so sanft ab, es gab eine kräftige Schramme am Arm. Dafür haben wir es dadurch jetzt schon den zweiten Abend schön warm. Meine Rache besteht nämlich darin, die Äste den Kamin hinaus zu hauen.

 

Dann Wochenende! Eigentlich heißt es bei Work away 5 Tage die Woche etwa 5 Stunden arbeiten. Da ich letzten Sonntag erst einmal Grobdreck beseitigt hatte, damit es wohnlich wurde, hatte ich mir dieses Wochenende redlich verdient. Eigentlich war eine große Radtour zur Küste geplant, aber es wurde leider Regen vorhergesagt. So beschloss ich spontan zu wandern. Ich hatte die Tage die Schilder zu einem Naturschutzgebiet gesehen und dort zog es mich hin. Den hässlichen Asphaltteil überwand ich mit dem Rad, den Rest des Weges wollte ich über den Hausberg gehen. Den Berg sehe ich von der Terrasse, also mal im Vorbeigehen besteigen. Denkste, jegliche Wege verschwanden, die Orientierung war nur doch durch Ziegenköttel möglich. Die Ziegen gingen aber an manchen Stellen mir zu fiese Wege und schließlich musste ich kapitulieren. Ich stieg über das Geröll ab und nahm ab dann Feldwege zum Naturschutzgebiet. War das klasse! Überall kleinste Wege, für Fußgänger, Mountainbiker und Endurofahrer gleichermaßen ein Genuss. Wilde Farben, viele Bodenschätze und dadurch auch zwischendurch Steinbrüche. Am Wochenende arbeitete dort aber niemand. Absolute Stille, ich begegnete den ganzen Tag NIEMAND. Genial, bis auf den Nieselregen, der auf der Hälfte der Tour einsetzte. Ich sah Schilder zu schönen alten Brücken und einem Stausee, aber das muss bis zum nächsten Mal warten, denn ich wollte nicht zu sehr nass werden. Mein Plan ging auf. Es nieselte zwar, aber immer nur so, dass ich keine Regenkleidung brauchte. Am Fahrrad angekommen wurde es etwas mehr und 15 Minuten nachdem ich wieder ein Dach über dem Kopf hatte, ging es richtig los. Alles richtig gemacht. Jetzt bin ich gespannt, wie die Natur explodiert nach dem Regen, denn hier ist es teils wüstenähnlich von der Vegetation.